GeschichtetutoriumWS05/06

Thursday, November 24, 2005

Essay zu Geschichtetutorium WS 05

Durkheim
4. Welche Spezifika seines Werkes machen Durkheim zu einem wichtigen Einflussgeber der anthropologischen (bzw. sozialwissenschaftlichen) Theorienbildung des 20. Jahrhunderts? Worin bestehen die Neuerungen im Denken Durkheims, die spätere Forschungsrichtungen inspirierten?


Zur Person:

Am
15. April 1858 wurde Émile Durkheim als Sohn eines Rabbiners in Épinal (Lothringen) geboren. Er wurde an der Ecole Normale Supérieure ausgebildet, wo er zusammen mit einer Reihe später ebenfalls sehr hervorgetretenen Männern, darunter Lucien Lévy-Bruhl und dem sozialistischen Politiker Jean Jaurès studierte. Zunächst war er als Lehrer für Philosophie an Gymnasien tätig. Nach einem Studienaufenthalt in Deutschland 1885-1886 verschaffte ihm der Leiter der Hochschulabteilung im Erziehungsministerium 1887 einen Lehrauftrag für Sozialwissenschaft in Bordeaux, wo er schließlich Professor für Pädagogik und Soziologie wurde.
1898 gründete er die Année Sociologique, die zur Grundlage der Durkheim-Schule wurde. 1902 nahm er seine Lehrtätigkeit an der Pariser Universität Sorbonne auf, wo er 1906 einen Lehrstuhl für Erziehungswissenschaft erhielt, der 1913 in Erziehungswissenschaft und Soziologie umbenannt wurde.
Am
15. November 1917 starb er in Paris.“ [1]

Durkheim war nicht nur als Kultur- und Sozialanthropologe tätig, sondern wirkte sozusagen auch interdisziplinär in der Soziologie und in der Politik. Er gilt als Begründer der modernen Soziologie (mit Max Weber und Marx). [2] Außerdem beschäftigte er sich in frühen Jahren mit dem Fachgebiet der Psychologie. Diese frühe Auseinandersetzung mit der sammelnden wissenschaftlichen Arbeitsweise des deutschen Psychologen Wilhelm Wundt, welchen er während eines einjährigen Studienaufenthaltes in Deutschland in Leibnitz besuchte, beeinflusste seinen eigenen Arbeitsstil in beträchtlicher Weise, wobei er diese sammelnde Arbeitstechnik mehr im geschichtlichem und ethnografischem Kontext verwendete.
Durkheim engagierte sich außerdem politisch für die Sozialdemokratische Partei in Frankreich indem er Soziologie als Wegbereiter für eine weltliche Moralität passend zur dritten Republik betrachtete. [3]

Wichtige Werke:


„De la division du travail social“ (1893)
„Les formes élementaires de la vie religieuse“ (1912)
„Le Suicide“ (1897)
„Primitive Classification“ (+Mauss) (1903)
„Année Sociologique“ (gegründet 1898)

Durkheims zentrales Thema, welches sich durch alle seine bedeutenden Werke zieht, war die Religion!

In seinem Werk „De la division du travail social“ („Über die soziale Arbeitsteilung", „Division of Labor“) setzt sich Durkheim mit der Frage nach Solidarität und der dabei spielenden Rolle der Religion außeinander.
Die beiden Begriffe „mechanische“ und „organische Solidarität“ beschreiben kurzum Durkheims Vorstellung, wie eine Gesellschaft ihren Zusammenhalt organisiert bzw. ein Gefühl von Zusammenhalt bzw. „Solidarität“ kreiert.
Laut Durkheim herrscht in industrialisierten Gesellschaften wie z.B. den westlichen kapitalistischen Systemen ein Zustand „organischer Solidarität“, welcher auf dem Prinzip der Arbeitsteilung und somit der gegenseitigen Abhängigkeit jedes Mitgliedes dieser Gesellschaft vom anderen, um seine jeweiligen menschlichen Bedürfnisse stillen zu können, beruht. Es herrscht ein hoher Grad von Spezialisierung. Ein anderes Charakteristikum ist außerdem eine starke Gliederung der gesellschaftlichen Ordnung. „Such societies were also characterized by social stratification, the embodiment of social authority in readily identifiable organs (the ruler, the state)...“ [4]
Religion in solchen Gesellschaften wird nicht als letztendlich essenziell für Zusammenhalt gesehen, religiöse soziale Phänomene spielen sich hier eher im Privaten ab und können zudem auch strikt vom Staatsgefüge getrennt sein, wie in Frankreich zum Beispiel mit der Erklärung zum Laizismus.
„Die Industriegesellschaft hat nach Durkheim eine differenzierte, hochentwickelte und komplexe Arbeitsteilung von solchen Ausmaßen, dass der Einzelne sie nicht mehr überblicken kann. Tatsächlich ist der Einzelne in dieser arbeitsteiligen Gesellschaft überaus abhängig, jedoch entwickelt er eine
Ideologie, die genau das Gegenteil sagt - nämlich den Individualismus. Durkheim zeigte dieses Paradoxon der Industriegesellschaft erstmals auf. Andere, wenig oder nicht-industrialisierte Gesellschaften kennzeichnet eine viel einfachere und überschaubarere Arbeitsteilung.“ [5]

„Mechanische Solidärität“ beschreibt hingegen die sozialen Verhältnisse, wie sie z.B. in einer kleinen Gemeinde von Subsistenzbauern herrschen würde. Die einzelnen Gesellschaftsmitglieder sind einander in ihrer Funktion ähnlich, es herrscht ein niedriger Grad von Arbeitsteilung, alle Bedürfnisse werden innerhalb dieser kleinen Gemeinde abgedeckt. In solchen sozusagen traditionelleren Gesellschaften sind laut Durkheim die sozialen Werte und Ideen sehr gemäßigt, wohingegen in industrialisierten Gesellschaften starke Schwankungen vorkommen können. In traditionellen Gesellschaften sorgt eben die Religion für einen starken innergesellschaftlichen Zusammenhalt.

Das wohl bedeutsamste Werk Durkheims ist „Les formes élémentaires de la vie religieuse“ („Die elementaren Formen des religiösen Lebens“, „The Elementary Forms of the Religious Life“). Hierbei geht es vorallem um die Unterscheidung zwischen sakral und profan.

Zu Durkheims gegensätzlicher Betrachtung dieser beiden für sein Werk elementaren Begriffe ist zu allererst zu sagen, dass er die menschliche Neigung zum zweigeteilten Denken in z.B. in gegensätzlichen Begriffspaaren, als Voraussetzung für seinen Denkansatz sah. Demnach spiegelte „das Heilige“, in symbolischem Sinne, den religiösen Ausdruck der sozialen Werte wider. [6] Dies ist dann wiederum in der Beziehung des Individuums zur Gesellschaft zu erkennen, genau gesagt in der Macht und den Einfluss solcher gesellschaftlicher Praktiken auf das Individuum. Die Wechselwirkung zwischen dem Heiligen als „Werte-apparat“ welcher Druck auf das Individuum ausübt, und sozusagen die vorherrschenden Werte der jeweiligen Gesellschaft in Form von Ritualen in das Indiviuum „injiziert“, und dem Individuum, welches das Heilige in seiner relativen Handlungsfreiheit missachten kann, spiegelt die Dynamik der sozialen Werte, welche deutlich am Beispiel Religion als „Gradmesser“ erkennbar sind, wider. Laut Durkheim herrsche in jeder auffindbaren Gesellschaft eine solche Unterscheidung von „heilig“ und „weltlich“:
„...Durkheim, who assumed that a distinction is made between the profane and the sacred in every society, and who confined religion to the sacred domain. Durkheim also wanted to show how the function of religion in „primitive societies“ consisted of creating solidarity and integration enrough rituals and „collective representation“. In a famous statement, he claimed that religion at its most profound level means society’s worship of itself.“ [7]

Seine Definition von Religion umfasst 4 Charakteristika, welche es einem möglich machen, sie im Kontext ihrer soziale Funktion zu erfassen:
1. Religion ist zwingend ("coersiv") und weißt einen hohen Grad von zwingenden Elementen auf, beispielsweise Bestrafungen variierend von mildem Missfallen bis hin zu körperlicher Nötigung.
2. Religion ist generell ("general"), da sie Individuen zu einer Gruppe zusammenfasst und zumindest äusserlich den gleichen Einfluss auf jeden ausübt.
3. Religion ist traditionell ("traditional"), sie existierte schon bevor es das Individuum tat und wird auch die Existenz des Individuums überdauern.
4. Religion ist extern zum Individuum ("external to the individual") und übt nur deshalb so großen Einfluss auf es aus. [8]

Man beachte hier die schon frühen Ansätze einer funktionalistischen Betrachtungsweise, welche dann vor allem später in der britischen Strömung des Funktionalismus, zum Beispiel eines Malinowski und Radcliffe-Browns, von großer Bedeutung waren! „...religious belief and practice gave expression to society’s values through what were, in one of Durkheim’s most famous phrases, „collective representations“ – „norms, symbols, myths, and values themselves.“ [9]
Zusammenfassend gesagt, versuchte Durkheim soziale Phänomene anhand ihrer religiösen Manifestation zu erfassen: „An example of what Durkheim means by seeing the social in the religoius in his interpretation of totemism, which he sees both as the earliest form of religion and as a means of regulating marriage in Australian societies.“ [10]
Folglich beschäftigte sich Durkheim in diesem Werk auch mit der Frage nach dem Ursprung von Religion, welchen er im Totemismus sah. „They located these origins in the fear , wonder, or curiosity of promitive humans in primitive conditions when they were helplessly confronted with such imponderables as the forces of nature ( whence nature spirits of various kinds) and the phenomenon of death (whence souls).“ [11]
Demnach ist die Herkunft der Religion auch in der Art und Weise wie Menschen ihre Umwelt interpretieren zu finden.

„Le Suicide“ („Suicide“, „Selbstmord“)
„Durkheims bekanntestes Werk ist "Le suicide" (Der
Selbstmord bzw. Die Selbsttötung, 1897), in dem er die unterschiedlichen Selbsttötungsraten unter Protestanten und Katholiken untersucht, die er auf die strengere soziale Kontrolle unter Katholiken zurückführt. In diesem Werk entwickelt er auch den Begriff der Anomie, die er als Situation definiert, in der Verwirrung über soziale und/oder moralische Normen herrscht, diese unklar oder schlicht nicht vorhanden sind. Dies führt nach Durkheim zu abweichendem Verhalten.“ [12]

In Durkheims Werk „Primitive Classifications“ welches er in Zusammenarbeit mit seinem Neffen Marcel Mauss (1872 – 1950) schrieb, geht es primär darum, Klassifikationen der natürlichen Welt („natural world“) und die der sozialen Welt („social world“) miteinander in Verbindung zu setzen, die Beziehungen zwischen ihnen zu erfassen. Hierbei wird wieder der Totemismus als Beispiel für eine solche Beziehung genommen. Laut Mauss und Durkheim sei die Klassifikation der natürlichen Welt hier, in primitiven Gesellschaften wie beispielsweise bei den Aborigines, basierend auf die der sozialen Welt. [13]
Man beachte hierbei die deutlichen Ansätze eines Strukturalismus von Lévi-Strauss (1908 -) , welcher Systeme aus den Beziehungen zwischen ihren Elementen heraus untersuchte. Mauss und Durkheim beeinflussten Lévi-Strauss enorm mit ihren Arbeiten, unter anderem mit dem Aufsatz von Mauss „The Gift“, welcher in der Zeitschrift „Année Sociologique“ erschien. [14]

1898 Gründete Durkheim mit einigen seiner Anhänger (welche u.a. aus seinem Neffen Mauss und weiteren Philosophen, Economisten, Historikern und Juristen bestanden) die interdisziplinäre Zeitschrift „Année Sociologique“, welche nach Durkheims Tod (1917, in Folge eines Schlaganfalles) von seinem Neffen weitergeführt wurde. Sie diente als einflussreiches Forum für interdisziplinären Diskurs und spielte somit eine große Rolle bei der weiteren Entwicklung der Kultur- und Sozialanthropologie. [15]


Quellen:

[1] Emile Durkheim - Wikipedia
http://de.wikipedia.org/wiki/Emile_Durkheim (Stand 21.11.2005)
[2] vgl. Barnard, Alan: „History and Theory in Anthropology“ (2000:81-82)
[3] vgl. Parkin, Robert: „One Disciplin. Four Ways“ (2005:170-171)
[4] ebenda, S.179
[5] Emile Durkheim - Wikipedia
http://de.wikipedia.org/wiki/Emile_Durkheim (Stand 21.11.2005)
[6] vgl. Parkin, Robert: „One Disciplin, Four Ways“ (2005:176)
[7] Erikson, Thomas H.: „Small Places, Large Issues“ (2001:16)
[8] vgl. Parkin, Robert: „One Disciplin, Four Ways“ (2005:174)
[9] ebenda S.174
[10] ebenda, S.175
[11] ebenda S.173
[12] Emile Durkheim - Wikipedia
http://de.wikipedia.org/wiki/Emile_Durkheim (Stand 21.11.2005)
[13] vgl. Parkin, Robert: „One Disciplin, Four Ways“ (2005:188)
[14] vgl. Barnard, Alan: „History and Theory in Anthropology“ (2000:125)
[15] vgl. ebenda S.62